Ein Blick auf die Lebensmittelstudie: essen oder wegwerfen?

16 Mrz

Sicherlich alle, die in irgendeiner Art und Weise deutsche Nachrichten konsumieren, sei es über Zeitung, Fernsehen, Radio oder Internet, wurden in den letzten Tagen mit dem Ergebnis der neuen Studie über weggeworfene Lebensmittel in Deutschland konfrontiert. Mehr als 81 kg pro Jahr und Kopf sind es, die in irgendeiner Weise „entsorgt“ werden. Oder noch etwas anschaulicher, als Zitat aus dem Faktenblatt des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz:

Pro Verbraucher und Tag lässt sich eine Menge von 225 Gramm Lebensmittel errechnen, die in der Tonne landen – das entspricht ungefähr dem Volumen eines durchschnittlichen Frühstücks.

Da drängt sich doch die Frage auf – muss das sein?

Sieht man sich die Bilder an, von denen die Ergebnisse der Studie in der Presse durchweg begleitet wurden, müsste man klar antworten: nein! Wer solche Lebensmittel wegwirft, kann nur entweder völlig gedankenlos oder aus böser Absicht handeln. Denn schließlich waren dort wahre Berge von prallen, saftig roten Tomaten, von frisch gebacken aussehendem Brot und Salatköpfen ohne auch nur den leistesten Anflug von welkenden Blättern zu sehen. Gratulation, denkt sich da jede*r durchschnittliche Leser*in – ich gehe ja im Vergleich richtig sorgfältig mit meinen Lebensmitteln um.

Die Wirklichkeit ist natürlich vielschichtiger, und insofern finde ich es ganz und gar nicht zielführend, ein Bild zu verbreiten, das so tut, als würden in Deutschland kiloweise ladenfrische Lebensmittel weggeworfen. Denn das enthebt all diejenigen, die nicht in dieses Extrem verfallen, automatisch ihrer Veranwortung, genauer hinzuschauen, bevor ein Nahrungsmittel in die Tonne wandert.Was ist aber mit all den Lebensmitteln, die wohl den Großteil der unnötig weggeworfenen Nahrung ausmachen, beispielsweise ungeöffnete Packungen mit gerade abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum, verschrumpelte Äpfel und Kartoffeln, ein paar Tage länger als geplant gelagertes Brot? Während der nächsten Wochen und Monate werde ich mich immer wieder dazu anhalten, ein Auge darauf zu werfen, wie ich mit solchen Dingen umgehe, die unnötig verschwenderischen Gewohnheiten zu ersetzen und Wege zu sammeln, über die sich Lebensmittel im Abfall vermeiden lassen.

Schauen wir uns aber doch zuerst die Studie noch etwas genauer an. Vom zuständigen Ministerium wurde, wie bereits gesagt, ein Faktenblatt herausgegeben, das die weggeworfene Menge folgendermaßen weiter aufschlüsselt:

• vermeidbare[…] Abfälle[…], die zum Zeitpunkt ihrer Entsorgung noch uneingeschränkt genießbar gewesen wären,
• teilweise vermeidbare[…] Abfälle[…], die zum Beispiel aufgrund von unterschiedlichen Gewohnheiten der Verbraucher auf dem Müll landen (etwa Brotrinde, Speisereste, Kantinenabfälle), sowie
• nicht vermeidbare[…] Lebensmittelabfälle[…], die überwiegend nicht essbare Bestandteile enthalten (z.B. Bananenschalen oder Knochen)

Dass es wenig Sinn hat, über ungenießbare Lebensmittelbestandteile zu diskutieren, dürfte wohl klar sein, aber die anderen beiden Kategorien sind durchaus interessant.

Wie wird zum Beispiel die Trennline gezogen? Sind „vermeidbare Abfälle“ wirklich nur das, wonach sie sich anhören – die auf den genannten Fotos dargestellten, 100%ig frischen Lebensmittel, die nur deshalb entsorgt werden, weil sie vielleicht zu großzügig eingekauft wurden?  Oder fällt darunter auch der genannte verschrumpelte Apfel, genießbar zwar, aber nicht mehr appetitlich aussehend? Ist es nun als meine persönliche „Gewohnheit“ zu sehen, wenn ich solches Obst wegwerfe (das würde es zu „teilweise vermeidbarem Abfall“ machen) oder als pure Verschwendung?

Was ich damit sagen will: Ich sehe den Sinn der Unterscheidung in diese beiden Kriterien nicht so ganz. Sollte damit illustriert werden, wie viel völlig unverständlicher Weise verschwendet wird? Meiner Ansicht nach taugt das System ebenso dazu, verschwenderische Angewohnheiten zu entschuldigen, aber vielleicht steckt ja tatsächlich ein tieferer Sinn dahinter, den ich noch nicht durchschaut habe.

Wesentlich nützlicher finde ich da schon den Hinweis, dass das Wegwerfen von Lebensmitteln schließlich nicht nur der Umwelt schadet, sondern auch eine Menge Geld kostet. Das Ministerium spricht hier von ca. 53 kg vermeidbarer Abfälle (hier werden nun auf einmal „vermeidbare“ und „teilweise vermeidbare“ Abfälle gemeinsam unter der kürzeren Bezeichnung geführt), die insgesamt ca. 235 Euro pro Person und Jahr kosten. Hm, wenn ich es schaffe, das einzusparen, kann ich wohl demnächst meine gesamte Küche mit niegelnagelneuen,  plastikfreien Utensilien ausstatten.

Aber am interessantesten ist doch, warum nun überhaupt Lebensmittel weggeworfen werden? Die Hauptgründe dafür werden angegeben als:

• Mangelnde Wertschätzung von Lebensmitteln, bedingt auch durch ständige Verfügbarkeit und das im EU-Vergleich äußerst niedrige Preisniveau
• Fehlplanung, Fehlkauf, fehlender Überblick über Vorräte
• Falsche Aufbewahrung
• Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums

Das größte Missverständnispotential dabei hat wohl der Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Bis vor einigen Monaten hielt ich es selbst noch für äußerst riskant, „abgelaufene“ Lebensmittel zu konsumieren – immerhin sind die doch dann bereits verdorben, oder nicht? Falsch. Wie wahrscheinlich noch viele Andere habe ich das Mindesthaltbarkeitsdatum mit dem Verbrauchsdatum verwechselt. Lediglich letzteres zeigt den Zeitpunkt an, bis zu dem ein Nahrungsmittel konsumiert werden sollte. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist lediglich dafür zuständig, den Zeitpunkt festzuhalten „bis zu dem ein Lebensmittel unter angemessenen Aufbewahrungsbedingungen seine spezifischen Eigenschaften wie Geruch, Farbe und Geschmack behält.“

Moment. Das heißt also, um zum Apfelbeispiel zurückzukehren, sobald die Haut meines Apfels ein bisschen schrumpelig wird, wäre sein Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen?

Willkommen in Absurdistan. Wozu brauchen wir eigentlich ein aufgedrucktes Mindesthaltbarkeitsdatum, wenn es nicht unsere Gesundheit schützt, sondern lediglich Dinge verrät, die wir mit einem Blick oder einmal schnuppern selbst erkennen können? Offenbar führt es doch dazu, dass kiloweise Lebensmittel unnötigerweise weggeworfen werden. Vielleicht sollten sich unsere Gesetzgeber mal darüber Gedanken machen, eine so unnötige Angabe im Sinne der Nachhaltigkeit einfach – vorsicht, schockierender Vorschlag – abzuschaffen?

Das wäre vermutlich effektiver als nette kleine Videos wie dieses, auch wenn es die momentan herraschenden Verhältnisse gut zusammenfasst: video6_2_MHD_node.html

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4 Antworten to “Ein Blick auf die Lebensmittelstudie: essen oder wegwerfen?”

  1. Mausflaus 19. März 2012 um 20:25 #

    ich hab noch einen grund: omnipräsente werbung, die einem eintrichtert „Kauf dies! Kauf das! es ist lecker!!“ wir werden doch zu braven konsumenten erzogen – ist gut für die wirtschaft! das ist beim weihnachtsgeschäft nicht anders als bei autos und eben auch im supermarkt. man wird zu käufen verführt, die man eigentlich nicht machen möchte. wer kennt das nicht, dass man am ende doppelt so viel im einkaufswagen hat, wie man eigentlich auf der liste stehen hatte?

    das MHD finde ich eigentlich nicht komplett verkehrt – ich möchte kein brot kaufen, was total eingetrocknet ist, oder sojamilch die flockt. wenn ich sowas zu hause noch habe, dann esse ich das schon noch, aber im laden möchte ich einwandfreie ware, dafür bezahle ich ja auch.

    • repek 21. März 2012 um 17:26 #

      Da stimme ich dir nicht ganz zu… ich finde, dass auch in Supermärkten noch sehr viel weggeworfen wird, das nicht auf den Müll wandern müsste. Natürlich müssen Lebensmittel, die wirklich schlecht werden, vor dem Kauf aussortiert werden, aber das könnte man auch lösen, indem z.B. konsequenter das Produktionsdatum aufgedruckt wird. Dann würden sich Menschen mehr nach Erfahrungswerten und v.A. dem tatsächlichen Zustand der Sache richten als nach einem relativ willkürlich gewählten Datum, das suggeriert: Ich bin abgelaufen! Wirf mich sofort weg!

      • Mausflaus 21. März 2012 um 19:41 #

        ich finde es auch unnötig, dass dann wegzuwerfen, aber ein produkt, was garantiert gut ist, ist nunmal mehr wert, als eins, dass nur vielleicht noch gut ist, insofern muss man da schon nen preisnachlass gewähren. wenns in supermärkten ne ecke mit abgelaufenen sachen gäbe; ich würde nur noch da kaufen.
        aber angeblich ist das was im supermarkt pro verbraucher weggeworfen wird, ja eh nur 4kg pro jahr aus,

  2. Bettina 29. Juni 2013 um 14:43 #

    MHD enthält das Wortfragment „mindest“ Englisch heisst es „best before“. Sagt das nicht alles?
    Es ist das Datum bis zu dem Ware regulär im Laden verkauft werden darf. Man kann bis zu diesem Tag auch reklamieren, wenn einem etwa beim Öffnen des Joghurtbechers so eine grüne Pilzkultur anlacht. Das gabs früher (60er, 70er) grad im Sommer häufig. Heute frag ich mich eher, wieso das (bei längerer Haltbarkeit) NICHT mehr auftritt. Oder ich frage mich, warum das so wenige wirklich wissen wollen.

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