Kein Silberstreif am Horizont: Plastikkonsum in Kairo

9 Okt

Deprimierend. Widerlich. Absolut zum Auf-die-Palme-Kraxeln.

Alles sehr treffende Wörter, wenn ich mir überlege, wie viel Plastikmüll ich in den letzten Wochen verursacht habe: Buchstäblich, da bin ich mir ziemlich sicher, mehr als sonst in einem ganzen Jahr. Darunter waren ein paar Dinge, die ich mir bewusst erlaubt habe, weil ich diesen Sprachkurs immer noch als meinen Urlaub betrachte und manche Dinge im Urlaub lockerer sehe als sonst, aber in diese Kategorie fällt, leider, nur ein Bruchteil der Gesamtmenge. Alles andere sind mehr oder weniger Notwendigkeiten: Plastikschalen und „Frischhaltefolie“, die einmal Tomaten und Gurken beinhaltet haben. Plastiktüten, in die man mir meinen letzten Obsteinkauf verpackt hat. Unvermeidliche Plastikhüllen, in denen das Fladenbrot fürs Frühstück mal steckte. Und vor allem: Wasserflaschen.

 

 

Eine Ökobeichte: Flaschenwasser

Ja. Mein schöner Plan, eine Glasflasche einzupacken und immer wieder zu befüllen, hat leider nicht so funktioniert, wie ich mir das dachte. Zwar habe ich die Flasche ohne Probleme durch die Flughafenkontrolle bekommen, und auch das Auffüllen am Waschbecken auf der Toilette funktionierte ohne Weiteres. Die erste Woche in Ägypten, verbracht bei meiner Gastfamilie, war ebenfalls noch recht unproblematisch: ein oder zwei Mal am Tag mindestens hatte ich Zugang zu einem Trinkwasserhahn, der gefiltertes Leitungswasser spendet. Die Probleme finden erst an, als meine Kommilitonin und ich endlich eine Wohnung in Kairo gefunden hatten und eingezogen waren. Hier fehlte nämlich dieser Hahn.

Problem 1: Das Leitungswasser in Ägypten ist stark gechlort und auch sonst nicht unbedingt geeignet, schwache Mägen zu erfreuen – Ich bin mir ziemlich sicher, dass es teilweise für den Durchfall verantwortlich ist, mit dem man als Erstbesucher in Ägypten auf jeden Fall rechnen muss. Nun, mit diesem Problem hätte ich umgehen können – ich bin inzwischen an die ägyptischen Keime ausreichend gewöhnt, um kaum noch Darmprobleme zu bekommen (natürlich bin ich nicht vor Lebensmittelvergiftungen gefeit… aber der Pharao verflucht mich nicht mehr nur aus dem Grund, dass ich es gewagt habe, einen Fuß auf seinen Boden zu setzen), und gegen den Chlorgeschmack hilft ganz gut, das Wasser über Nacht im Kühlschrank zu lagern. Damit also war ich eine Woche lang glücklich, bis Problem 2 auftauchte. Meine kleine (Gast-)Schwester. Nein, natürlich nicht sie persönlich, sondern was sie mir über das Leitungswasser erzählt hat, das ich da so fleißig konsumierte: bis Luxor und Assuan, meinte sie, wäre das Nilwasser durchaus noch trinkbar. (Ich nehme an, damit ist gemeint, nach entsprechender Reinigung, also wenn es aus dem Wasserhahn kommt.) Danach aber würde es von verschiedenen Industriebetrieben immer weiter verunreinigt, bis es in Kairo schließlich mit allerlei Schwermetallen belastet ankommt. Mhm, na dann Prost.

Normalerweise bin ich bereit, meinem Magen einiges zuzumuten, aber Wasser trinken, das eventuell Gifte enthält, die sich in meinem Körper ablagern und nie mehr ausgeschieden werden? Nein, danke. Ab diesem Tag wurde, auch wenn mir jedes Mal das Herz blutet, wenn ich eine dieser Flaschen in der Hand halte, abgepacktes Wasser gekauft. Zunächst habe ich noch versucht, einen Wasserfilter zu finden, der mir diese unangenehmen Nebenwirkungen erspart hätte, aber keine Chance: keiner der Supermärkte, in denen ich war, schien einen zu haben. Das steht nun also auf meiner Einkaufsliste für Deutschland: Ein möglichst kompakter Filter für zukünftige Urlaube, um mir wenigstens dieses Desaster nicht noch einmal antun zu müssen.

 

Reis mit Kleidern: Die Grünzeugfrage

Ein anderes Problem ließe sich, wäre ich länger in Kairo, vermutlich vor Ort lösen: Obst und Gemüse habe ich bisher immer im Supermarkt erstanden, wo sie fertig abgepackt in Plastikschalen und -folie zu haben sind. Aber auf den Straßen von Kairo finden sich außerdem jede Menge Stände und Karren mit einem wechselnden Angebot von Frischem, wo ich mir mit wachsenden Arabischkenntnissen (so langsam denke ich, ich könnte es zumindest versuchen) ebenfalls meine Rationen hätte holen können. Nicht in unserer Nachbarschaft, aber vielleicht, während ich ohnehin in einem anderen Teil der Stadt unterwegs bin.  Bisher war das etwas schwierig: vor ein paar Tagen noch habe ich das Wort für „Gemüse“ glatt mit dem für „Kleider“ verwechselt und war drauf und dran, „Reis mit Kleidern“ zu bestellen.

Wäre ich also noch eine Weile hier, würde ich mich so bald wie möglich mit einer Garnitur Gemüsesäckchen eindecken, wie ich sie zuhause habe, und lernen, wie ich einem Verkäufer klarmachen kann, dass ich mein Gemüse gerne darin abgepackt hätte. In abgeschwächter Form habe ich ja tatsächlich schon gelernt, meine Sparwünsche zu kommunizieren: es ist zwar mühsam, weil den meisten Ägyptern (jedenfalls denen, die an einer Supermarktkasse stehen und die Einkäufe verpacken) offenbar völlig unverständlich, aber seit ich den Satz „Danke, ich möchte keine Tüte“ auf Arabisch gelernt habe, komme ich meist zumindest um dieses Übel herum.
(Für alle, die Spaß daran haben, Bruchstücke fremder Sprachen zu lernen, hier in grausam deutschelnder Umschrift: „Schukran, misch aisa (oder ais, wenn man ein Mann ist) kies.“ should do the trick.)

 

Und sonst?

Damit habe ich die beiden größten Posten, denke ich, abgearbeitet, bin aber noch nicht auf all den Kleinkram eingegangen, der sich unvermeidlich anzusammeln scheint. Herausforderungen für Fortgeschrittene könnten außerdem sein:

– Sich ein Getränk in den mitgebrachten, wiederverwendbaren Becher abfüllen lassen, anstatt die Plastikvariante zu akzeptieren
– Doch noch einen Glas- oder Metalltrinkhalm kaufen und mitnehmen, ihn jedem Kellner unter die Nase halten und hoffen, dass irgendeiner versteht, dass man für seinen Saft kein Plastikröhrchen braucht
– Das Selbe mit Löffel, Gabel und Messer versuchen, wenn das Restaurant, in dem man isst, auch nur entfernt unter dem Verdacht stehen könnte, Plastikbesteck zu „servieren“
– Tee aus Deutschland mitbringen oder eine Minzpflanze auf dem Fensterbrett ziehen, um die Plastikhülle von Teepackungen zu umgehen.
– Sesampaste im Glas finden und lernen, wie sich daraus Halawa-Brotaufstrich herstellen lässt, der nicht in einem Plastikbecher geliefert wird.

Diese List erhebt bei weitem keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Eine Antwort to “Kein Silberstreif am Horizont: Plastikkonsum in Kairo”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Wanted: Wasserfilter-Expertise « mueckeblog - 8. Februar 2013

    […] Mal, als ich in meiner Kairoer Wohnung keinen Wasserhahn mit Filter zur Verfügung hatte) über das unglaubliche Aufkommen an Plastikflaschen zu ärgern, das sich sicherlich schnell anstauen wird, wenn ich mein Trinkwasser auf diese Weise […]

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