„Schwein gehabt“ oder doch eher „Armes Schwein“?

19 Aug

(so gelesen in der Badischen Zeitung am 19.8.2011)

Klingt das nicht putzig? „Spielend“ sollen sich die lieben kleinen Schweinchen die Zeit vertreiben, anstatt sich gegenseitig zu beißen und dadurch zu „nerven“ – ach ja, und viel wichtiger, massiven wirtschaftlichen Schaden anzurichten.

WIE BITTE?
Vielleicht trifft „genervt“ nicht so ganz meinen Geisteszustand, wenn mir mein Nachbar einfach ins Ohr oder sonstwohin beißt. Schon gar nicht, wenn ich keine Gelegenheit zum Ausweichen habe. Wütend, elend, verzweifelt, wie wäre es damit? Und warum sollte es bei Schweinen anders sein? Aber natürlich interessiert das nicht, wenn man nur daran interessiert ist, dass die Tiere möglichst schnell möglichst viel Fleisch abwerfen, das dann irgendwelche ohnehin übersättigten Wohlstandskinder in sich hineinstopfen können, damit sie auch ja ein „anständiges Essen“ bekommen.
Wie ich gelernt habe, nennt man so etwas dann „Intensivtierhaltung“, denn „Massentierhaltung“ klingt ja gar zu grauslig.

Der Wühltrieb gehört zum genetischen Verhaltensprogramm der Hausschweine. Denn sie stammen vom Wildschwein ab. Dieses verbringe die meiste Zeit damit, mit seiner Schnauze im Boden nach Nahrung zu suchen und die Umgebung zu erkunden, erläutert Jathe. Bisher versuchten die meisten Landwirte, ihre Schweine mit einer 30 Zentimeter langen Kette, die ursprünglich Bestandteil des Futtertransportsystems ist, zu unterhalten, sagt Dr. Richter. Die Schweine verlören aber schnell das Interesse an dieser Beschäftigungsmöglichkeit. Auch Versuche, das Borstenvieh mit Kinderbällen in der Schweinebucht bei Laune zu halten, seien fehlgeschlagen. Den Betonspaltenboden mit Stroh auszulegen, gehe aus arbeitswirtschaftlichen und technischen Gründen nicht.

(www.natur.de)

Wirtschaftliche Gründe lassen es also nicht zu, einem lebendigen Wesen wenigstens so viel Spielraum zuzumessen, dass es sich ein bisschen bewegen und seinen natürlichen Instinkten nachkommen kann. Stattdessen nimmt man lieber jahrelang in Kauf, dass sich die Schweine gegenseitig blutig beißen – und kommt erst auf die Idee, das zu ändern, als man merkt, dass es scheiße teuer wird, solche Tiere wieder wenigstens so weit zu päppeln, dass man sie schlachten kann. Was dem Ganzen dann noch die Krone aufsetzt, ist die Art und Weise, in der man sie beschäftigen will: mit am Trog angebrachten Bällen aus Polyurethan. Mhm… das klingt doch mal wirklich artgerecht und lecker!

Nein, ich werde jetzt nicht anfangen, irgendwelche Gefahren von Polyurethan aufzuzählen. Ich habe schlicht keine Ahnung davon und bisher auch keine Quelle, die mich auf irgendwelche Risiken hinweisen würde.
Woran ich mich störe, ist etwas anderes:

Ist es denn, verdammt noch mal, wirklich nötig, Tiere unter Bedingungen zu halten, unter denen man sie mit Plastikbällen beschäftigen muss, damit sie nicht aufeinander losgehen? Können wir uns nicht alle ein bisschen in unserem Fleischkonsum einschränken – sagen wir, nur noch jeden zweiten Tag anstatt jeden Tag ein Schnitzel oder eine Wurst auf dem Teller – und dafür die Tiere auf eine halbwegs humane Art und Weise großziehen?

Offenbarübersteigt das die Fähigkeiten unserer Gesellschaft. Da bleibt einem leider nur noch eines zu fordern:

(Bild via Wikimedia Commons. So ein ähnliches Schild habe ich neulich auch in Freiburg entdeckt, hatte aber leider keine Kamera dabei, also musste ich auf fremde Werke zurückgreifen.)

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