Kleiner Abstecher in die Chemie: Was herkömmliche Shampoos so alles enthalten

11 Apr

Weiß der Himmel, was mich geritten hat, vor ca. zwei Wochen das Projekt „go no ´poo“ wieder aufzunehmen, das für mich quasi vor etwa zwei bis drei Jahren begonnen hat. Zur Erklärung: „no ´poo“ bedeutet so viel wie „no Shampoo“, also kein Shampoo.
Und nein – damit ist nicht gemeint, sich die Haare einfach gar nicht mehr zu waschen! Das wäre mir, bei aller Wasser- und Shampooersparnis, überhaupt nicht recht, denn ich bekomme sehr schnell schlechte Laune, wenn ich das Gefühl habe, ungepflegt herumzulaufen – und meine Haare sind die Größe, die dabei am meisten ins Gewicht fällt.

 

Stattdessen bin ich von „konventionellem“ Flaschenshampoo erst auf gekaufte und dann auf selbstgemachte Shampooseife in fester Form umgestiegen. „No ´Poo“ gibt es noch in weit konsequenter vereinfachten Formen, von der Spülung mit in Wasser gelöstem Haushaltsnatron bis zum Waschen ausschließlich mit Wasser, von denen ich einige in der Zwischenzeit auch ausprobiert habe – aber dazu schlummert schon ein anderer Artikel auf meiner Festplatte, in dem ich ausführlich darüber berichten werde.

Heute soll es erst mal darum gehen, aus welchen Gründen (außer dem offensichtlichsten: grandiose Materialersparnis bei Produkt und Verpackung) es sich lohnen könnte, sich die Haare mit anderen als den herkömmlichen Shampoos zu waschen.

 

Ich gehe davon aus, dass den meisten Leuten klar ist, dass Shampoos in der Regel zum Teil aus Erdöl hergestellt werden. Das nehmen wir schließlich bei vielem in Kauf – oder auch nicht. Etwa die Hälfte des Inhalts einer Shampooflasche ist sowieso Wasser – reichlich teuer verkauft, könnte man meinen.

Hier ein kleiner Überblick über die weiteren Inhaltsstoffe, von denen ich bisher nichts wusste (und jetzt froh bin, dass ich sie schon länger unbewusst vermieden habe):

 

Silikon:

Dazu ein Zitat von healthindex.de:

Silikon hat eine sehr hohe Dehnfähigkeit und wird zum Abdichten von Fugen auf dem Bau verwendet. In der Kosmetik beweist der Wirkstoff ähnliche Eigenschaften. Immer wenn das Haar „repariert“ werden soll, kommt der Stoff oder eine seiner Varianten zum Einsatz. Silikon, so die Hersteller, lege sich wie ein Pflegefilm um das Haar, das Haar erscheint wieder glänzend und geschmeidig, ist leichter kämmbar. Der Wirkstoff steckt deshalb vor allem in den so genannten „Two-in-one“-Shampoos, in Haarspülungen und Pflegekuren.

Kehrseite der Medaille: Silikone lassen sich nicht mehr auf normalem Wege auswaschen. Mit jeder Haarwäsche reichern sich mehr und mehr Silikone im Haar an. Das Haar wird beschwert und hängt zunehmend schlapp herunter. Fehlendes Volumen und zusammenfallende Frisuren sind die Folge.

Will man seine Haare Färben lassen, oder benötigt man eine Dauerwelle, hat der Friseur seine liebe Not mit den Silikonen. Das Haar ist regelrecht versiegelt, nimmt die Farbe nicht richtig an und Dauerwellen halten nicht.

Fast zeitgleich mit den Shampoos sind deshalb auch so genannte „Clearing-Shampoos“ (z. B. von Panthene Pro V oder Redken Clear Moisture) auf den Markt gekommen, die die Stoffe wieder auswaschen und helfen, dass das Haar wieder behandelbar wird, Form und Farbe wieder halten. Diese teuren Spezialshampoos enthalten jedoch wie Waschmittel für die Kleidung Tenside. Auch ohne Chemiediplom kann man sich ausrechnen, dass diese natürlich das Haar weiter strapazieren und man deshalb wieder ein Repairshampoo benutzen sollte …

Aber damit nicht genug: Manch angeblicher Neurodermitis-Patient hat mal das Shampoo gewechselt und… flugs waren die unangenehmen Schuppen und der Juckreiz auf der Kopfhaut verschwunden. Silikone versiegeln nämlich nicht nur das Haar, sondern auch die Kopfhaut. Die Haut kann nicht mehr atmen, Ekzeme und Rötungen sind die Folge. Silikone stehen außerdem stark im Verdacht, Allergien auszulösen. Noch dazu soll das Zeug „süchtig“ machen, einmal benutzt, braucht man es immer wieder, der „Labello-Effekt“ tritt ein.

Zu meiner Überraschung ist selbst so ein Magazin wie „Mädchen“ schon auf den Trichter gekommen, zu empfehlen, dass man sich von Silikonshampoos „entwöhnt“ – es warnt zwar, dass es ein paar Wochen dauert, bis Silikon aus dem Haar herausgewaschen ist, empfiehlt aber trotzdem „natürlichere“ Alternativen. Samt und sonders natürlich auch wieder kommerziell vermarktete Shampoos… aber klar, welcher Beauty-Konzern würde auch noch Anzeigen schalten in einem Magazin, das seine Leserinnen darüber aufklärt, dass der ganze Kram im Grunde überflüssig ist?

 

Natriumlaurylsulfat und Natriumlauryldiethoxysulfat (Sodium Lauryl Sulfate – SLS und Sodium Laureth Sulfate – SLES)

Zu SLS sagt die gute alte Wikipedia:

Die intensive Anwendung als Denaturierungsmittel für Proteine ist ein Grund für die Bedeutung von Natriumlaurylsulfat in höheren Konzentrationen für die Biotechnologie.

Äh, wie bitte? Denaturierung von Proteinen? Das kenne ich noch aus dem Biounterricht… das war der Grund, warum Enzyme ab einer gewissen Temperatur ihren Dienst nicht mehr richtig tun. Also, eigentlich kann ich darauf verzichten, das meine Proteine denaturieren… aber immerhin ist da von höheren Konzentrationen die Rede.

Also mal nachgelesen bei der TU Berlin… da gehe ich doch davon aus, fundiert und objektiv informiert zu werden:

Eine Gruppe von Substanzen, die teils zu Unrecht verteufelt werden, sind die Laurylsulfate.
In vielen Reinigungsprodukten, von Shampoo bis Putzmittel, sind sie als so genannte Detergentien enthalten, d.h. sie setzen die Oberflächenspannung des Wassers herab. Man findet auf den Verpackungen meist Angaben wie „Sodium Lauryl Sulfate“ (SLS) oder „Sodium Laureth Sulfate“ (SLES), die auf diese Substanzgruppe hinweisen.

Ein wenig Chemie:
Das englische Sodium steht für Natrium, es handelt sich dann also im Falle von SLS um einen Schwefelsäureester des Laurylalkohols bzw. um dessen Natriumsalz (daher: Natriumlaurylsulfat). Bei SLES handelt es sich hingegen um Natriumlauryldiethoxysulfat, d.h. die Kette wird durch zwei Ether verlängert.
Laurylalkohol (chemisch als Dodecanol bezeichnet) besteht aus einer Kette von 12 Kohlenstoffatomen, von den das erste als Alkoholgruppe vorliegt (CH3-(CH2)10-CH2OH).

SLES ist weniger aggressiv als SLS, aber auch teurer. Meist wird daher SLS eingesetzt. [2] [3]

Richtig ist, dass SLS und SLES die Haut reizen und zu Hautirritationen führen können. Da die Kontakt- bzw. Einwirkzeit von Shampoos und Duschgels recht kurz ist, stellt das für die meisten Menschen kein Problem dar.
Wer allerdings ohnehin schon Hautprobleme hat, sollte auf Produkte ausweichen, die diese Substanzen nicht enthalten. Einige Hautprobleme können durch die Vermeidung dieser und ähnlicher Substanzen vermindert werden oder sogar verschwinden.
Bei Badezusätzen ist die Einwirkzeit zwar wesentlich länger, allerdings ist die Verdünnung auch drastisch größer (in der Badewanne!). Und wir wissen ja: „Alle Ding‘ sind Gift und nichts ohn‘ Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist.“ (Paracelsus).
Beim Verschlucken kann SLS Durchfall auslösen. Andere Laurylderivate werden auch in Produkten zur Darmentleerung eingesetzt, die rektal (durch den After) verabreicht werden (z.B. Mikroklist).

Nicht richtig ist hingegen, dass SLS und SLES Krebs auslösen. Jedenfalls gibt es keine ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Studien, die eine kanzerogene (krebserregende) Wirkung dieser Substanzen belegen [1]. Ebenso wenig gibt es Nachweise, dass durch SLS oder SLES „Grauer Star“ ausgelöst wird (wenn man es sich nicht täglich in konzentrierter Lösung in die Augen träufelt…).
Einer der möglichen Gründe, warum SLS unter Krebsverdacht geraten ist, kann der Umstand sein, dass in den 1970er Jahren teilweise Ethanolamin statt Natrium eingesetzt wurde. Dieses Ethanolaminlaurylsulfat kann (im Gegensatz zu SLS und SLES) krebserzeugende Nitrosamine als Verunreinigung enthalten. Es wird jedoch bereits seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr in Kosmetika eingesetzt. [3]

Sehr auffällig ist, dass eine große Zahl der Webseiten, die man bei Suche nach Laurylsulfat findet und die es verteufeln, zu angeblich „unabhängigen“ Vertriebsagenten von angeblichen „Öko-“ oder „Natur“produkten gehören [2]. Diese Produkte werden per Network-Marketing („MLM“: Multi-Level-Marketing, auch „Empfehlungs-Marketing“) unters Volk gebracht. Das erklärt auch, warum die Texte weitgehend identische Formulierungen enthalten: Sie sind schlicht aus den Werbetexten der Hersteller abgeschrieben oder kopiert.

Fazit:
Natriumlaurylsulfat & Co. sind nach aktuellem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht krebserregend [1]. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Substanzen völlig harmlos und ihre Verwendung in jeder Hinsicht unbedenklich wäre.

Okay. Das klingt ja schon mal beruhigend – leider findet sich da keine Stellungnahme zu der Aussage, die ich auf einer anderen (englischsprachigen und laienbetriebenen) Website gefunden habe – dass nämlich SLS und SLES in Wechselwirkung mit anderen, z.T. auch in Shampoos enthaltenen, Stoffen krebserregende Substanzen bilden.

Codecheck.info hat darüber hinaus zu SLES noch die Anmerkung zu bieten:

PEG-basiert. PEG/PEG-Derivate verbinden als Emulgatoren Wasser und Fett. Diese Stoffe können die Haut durchlässiger machen und Schadstoffe in den Körper einschleusen. In Salben werden sie eingesetzt, um die Bestandteile gleichmäßig zu mischen; in Shampoos dienen sie auch als Tenside.

Aber um ehrlich zu sein… selbst, wenn es sich in allen aufgeführten Fällen nur um hautreizende Stoffe handelt, finde ich es ziemlich dreist, zwei Gruppen von Shampoos auf den Markt zu bringen, die man dann sozusagen gegen einander ausspielen muss, um sein Haar in einem künstlichen Gleichgewicht zu halten.

Und mir ist, als hätte ich auch unerfreuliches über Duftstoffe gelesen, die in Deos usw. zum Einsatz kommen – leider weiß ich weder, ob das die selben sind, die auch für Shampoos verwendet werden, noch erinnere ich mich, wo und was das genau war. Ich werde es bei Gelegenheit (spätestens, wenn ich zum Thema alternative Deos komme 😉 recherchieren müssen.

 

Mein Fazit jedenfalls: Selbst, wenn ich nicht versuchen würde, ohne Plastik zu leben, würde ich persönlich also – schon aus Kostengründen – zu den nicht-kommerziellen Shampoo-Alternativen neigen, bei denen ich zudem noch weiß, dass sie keine Inhaltsstoffe in den Wasserkreislauf spülen, die sich irgendwie bedenklich auswirken auf andere Organismen, die (vor oder nach dem Durchlaufen des Klärwerks) damit in Berührung kommen. Was ich jetzt in meiner – immer noch oberflächlichen – Internetrecherche über einige dieser Inhaltsstoffe herausgefunden hat, finde ich gruselig, wenn ich daran denke, dass es nur der Anfang ist – warum zum Beispiel kann codecheck.info einen Inhaltsstoff für Kosmetik (Ammonium Hydroxide) als „empfehlenswert“ einstufen, aber gleichzeitig den Hinweis hinzufügen „Laut Gefahrstoffverordnung ätzend, umweltgefährlich (sehr giftig für Wasserorganismen).“?

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